http://www.magdeburg-tourist.de/media/custom/557_283_1_g.JPG?1341499826

Wochenmarkt

 

Von einem lebhaften Markttreiben, wie sonst üblich, - Bude an Bude – Stand an Stand -,

war heute keine Spur zu sehen.

Viele graue Regenwolken wanderten tiefhängend über den Platz. Dauernd schienen sie sich an Zelt- und Fahnenstangen, Dächern und Bäumen zu stoßen. Dann entleerten sich sie sich geruhsam, aber stetig

Schwüle Feuchtigkeit machte das Atmen zur Last, verursachte ein benommenes Gefühl.

Etwa ein Dutzend Regenschirme, die ein paar Farbtupfer hergaben, wanderten schläfrig und unlustig herum.

Nur ein paar mutige Obst- und Gemüsestände warteten klamm und nass auf Kunden, deren Besitzer dann und wann kurz mit dem Kopf über der Warenpalette auftauchten.

 

Mein Bus fuhr erst in zwanzig Minuten und so spazierte ich wohl oder übel ein wenig herum.

 

Ich umrundete fast den Markt, als ich einen alten Herrn entdeckte, der paradox zum Regenwetter unter einem verblichenem rosa Schirm einige Dinge betreute. Auf dem Schirm malten sich ein paar grau-blaue Blüten ab, die Gefahr liefen, im Regenwasser zu ertrinken...

                         „Mein Gott“ dachte ich im ersten Augenblick, „der alte Herr hat sein Balkon-Inventar hierher gestellt, „Klapptisch, Klappstuhl und Blumen“... Wunderschöne samtig-rote Gladiolen  im Wassereimer... Eine krakelige Handschrift auf Pappe gab Auskunft, dass ein Strauß einen Euro kostet.

....  Durch das Bild, das der alte Herr mit seinem rosa Schirm bot,  fühlte ich  mich plötzlich an den Maler Carl Spitzweg und seine heiteren Bilder erinnert und gleich schien auch das Wetter nicht mehr so grau.

 Nach einem unentschlossenen Blick auf die Gladiolen wollte ich eigentlich weitergehen, als der alte Herr unter seinem Schirm hervortrat und mir einen Strauß davon hinhielt.

„Meine Dame – schöne Gladiolen – nur einen Euro!“

Es lag so etwas Höflich-Bittendes in seiner angenehmen Stimme und ich glaubte fast, ein kleines Lächeln sei darin versteckt...  Ein Mensch,  der nicht auf einen Marktplatz gehörte, des Handels unkundig...

Ich konnte nicht umhin, ich nahm sie – die Gladiolen.

Unter dem tropfenden Schirm fischte ich den Euro aus meiner Geldbörse und legte ihn in seine geöffnete Hand.

 „Ist es ein Euro?“ fragte er, schaute in seine Hand und dann mich an. „Ja, ein Euro“ war meine ein wenig erstaunte Antwort.

 „Entschuldigen Sie, ich habe keine Brille auf, sie ist nass geworden“ und er deutete auf eine Stelle auf dem Tischchen. ...„Ich frage deswegen lieber nach, um eventuell herausgeben zu können. Es wäre mir unerträglich, erst nach Aufforderung Geld zurückzugeben.“

 

Eine Ehrlichkeit, dachte ich, wie man sie nicht mehr oft antrifft.

 

Ich traf dann im Wartehäuschen des Busses noch eine Frau in meinem Alter. Sie bewunderte die Gladiolen, fand sie sehr schön.. „Sind das die für einen Euro hier auf dem Markt“ fragte sie und ich bejahte. Eilig ging sie zurück, um vor Abfahrt des Busses noch einen Strauß zu besorgen. - Sie kam schneller zurück, als ich dachte.

 „Ich habe den alten Herrn leider nicht mehr angetroffen“ meinte sie etwas traurig und zeigte mir eine Gladiolenblüte, die sie an der Stelle gefunden hatte..

 

 

 

Karin Fluche

6/11

 

  

 

 

Ich freue mich, dass Sie mich heute besuchen. Es ist genau: Genaue Uhrzeit
Datum von heute

Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain