Robert  und Christine                                                                           

In einem kleinen Dorf, wie diesem, kennt jeder jeden und viele sind mit einander versippt und verschwägert. Da ist es natürlich ein großes Ereignis, wenn ein Fremder aus der Stadt hierher zieht. Frisches Blut sozusagen.. Jeder will „von dem Neuen“ alles wissen und manche dichten etwas hinzu...

Das Objekt der Wissbegierde ist in diesem Fall Robert, der neue Lehrer. Er wurde hierher versetzt aus Personalgründen, Umstruktierung der alten Schule...

Robert ist unverheiratet, sieht nett aus, ist höflich, intelligent. Ein echter Schwiegermutter-Typ.

 

Der Bürgermeister des Ortes, Herr Walther, kommt ihm freundlich entgegen, ist hilfreich bei der Wohnungssuche und unterstützt auch einen Sparkassenkredit. „Sie können „Walther“ zu mir sagen, ich bin „Walther“, aber mit „th“, bemerkt er scherzhaft.

Walther bemüht sich überaus, Roberts Einstieg in die Gemeinde zu erleichtern und lädt ihn sogar zum Stammtisch der Honoratioren in den Dorfkrug ein. Bürgermeister, Arzt, Apotheker, Pfarrer und nun auch Robert, der neue Lehrer.

Man beschnuppert sich und Robert wird wohlmeinend in den Kreis aufgenommen. Er sitzt von nun an der Seite des Bürgermeisters.- Arzt und Apotheker tauschen blitzschnell einen Blick, der von den anderen unbemerkt bleibt.

 

Noch in der Phase der Eingewöhnung in die neue Schule bemerkt Robert jedoch Aktivitäten des Bürgermeisters, die sein Privatleben betreffen. Er lädt Robert des öfteren in sein Privathaus ein, präsentiert seine Tochter Christine, spricht von ihrem Charme.

Christine hat nicht gerade die Schönheit mit Löffeln gegessen und auch von der Intelligenz nur eine dünne Scheibe abbekommen. Raubtier-Augen täuschen einen Augenblick darüber hinweg. Sie hat eine plumpe, dickliche Figur und gewährt Robert tiefe Einblick in ihren Kleiderausschnitt.

Die Augen des Bürgermeisters wandern hin und her.

Er führt das Wort, wie er es von Amts wegen gewohnt ist und offenbart Robert Möglichkeiten einer steilen Karriere, stets mit dem unausgesprochenen Wörtchen „wenn“ im Hintergrund. Robert erkennt umgehend den Plan, schweigt jedoch, kann nicht anders. Er ist ein schwacher Mensch, wenn es darum geht, offen Stellung zu beziehen.

Doch rafft er sich auf, mit Christine unter vier Augen ein klares Wort zu sprechen und lädt sie eines Tages formell zu einem Theaterbesuch in die nächste Stadt ein.

Bei einem Glas Wein macht er ihr klar, dass er kein Mensch für eine Beziehung ist. „Nichts für ungut, aber wir haben nicht die geringsten Gemeinsamkeiten.“-

Doch der Wein verbündet sich mit Christine...

 

Der folgende Tag beginnt mit einem Riesenschock für Robert, denn er findet Christine halbbekleidet in seinem Bett.

Wie konnte das nur passieren?.. Er fühlt sich mies und unglücklich, kann sich an nichts erinnern.

Christine indessen triumphiert. Ihr Vater weiß bereits von der Sache und alsbald der ganze Ort...

Schon munkelt man von einer Verlobung und einer zeitnahen Hochzeit. Alles nimmt einen rasanten Verlauf, überrollt Robert und er glaubt zu ersticken... Als feinfühliger Mensch möchte er niemanden kränken, traut sich nicht, gegen den dominanten Bürgermeister und dessen ungeliebter Tochter Christine anzurennen...

Die Zeit schreitet fort.- Robert hat nicht die Kraft, sich offiziell zu wehren und so nimmt man sein Schweigen bereits als Einverständnis zur Ehe. -

Endlose Grübeleien bestimmen seine Tage und Nächte. Doch schließlich reißt der Knoten und es fällt ihm eine Lösung ein, aus der Falle herauszukommen und er telefoniert....

Robert benennt noch seinen allerbesten Freund Lutz als Trauzeugen und scheint sich in sein Schicksal zu ergeben...

 

Der Tag der Hochzeit ist für Pfingst-Sonnabend angesetzt und auch Freund Lutz ist am Vorabend zur Stelle.

Robert weiß inzwischen, dass Christine Pfingstrosen liebt und steckt sich eine weiße halboffene Blüte an den Revers des neuen Anzuges, Lutz ebenfalls.

Dann stehen die beiden Männer in der brechend vollen Kirche an der Seite des Pfarrers. Lutz legt beruhigend kurz die Hand auf Roberts Arm.

Man wartet auf die Braut.

Leises Orgelspiel und die Braut zieht am Arm des Vaters ein.

Ein Ruck geht durch die ganze Kirche und alle Köpfe fliegen herum.... Die Braut ist eine einzige lebende Pfingstrose in intensivem Rosa.

Pfingstrosenkränzchen auf dem Kopf, Pfingstrosen am tiefen Ausschnitt und ein weit ausgestellter Rüschenrock, der die Fülle der Braut noch unterstreicht.

Sie trägt im Arm einen üppigen Strauß zu weit aufgeblühter Pfingstrosen, die durch die Erschütterungen bereits zu entblättern drohen.... Man glaubt, nicht recht zu sehen und ein Raunen geht durch die Bänke.

Brautvater Walther scheint im Vorfeld schon mehrfach auf das Wohl des jungen Paares geprostet zu haben, ist hochrot und macht auffällige Schritte zum Rande des Kirchenteppichs. -

 

Irgendwie gelangt Christine dann doch noch an Roberts Seite und der Pfarrer beginnt das Zeremoniell.

Pfarrer Kirchmüller, alteingesessener Bürger des Ortes, hält sehr auf Tradition und so spricht er zu Beginn die bedeutsamen Worte:

„Heute verbinden wir diese beiden Menschen durch ihr Ja-Wort zu Mann und Frau. Wer die geringsten Zweifel oder Einwände dazu hat, soll vortreten, sprechen oder für immer schweigen...“.

Kurz bevor der Pfarrer fortfährt, tritt zu aller Erstaunen Lutz einen Schritt vor:

„Ich habe Einwände zu dieser Eheschließung. Robert ist bereits gebunden, gebunden an mich... Wir tragen zwar keine Ringe und haben keinen Trauschein, dennoch lieben wir uns. Robert ist mein Mann!“

Er schaut Robert liebevoll an und legt seine Hand in dessen Hand.

 

Tumult und Skandal in der kleinen Dorfkirche, wie man ihn noch nie erlebt hatte.

Die Pfingstrosen-Braut stößt einen spitzen Schrei aus und stützt sich schwer atmend auf den Arm ihres Vaters und dieser, von der eben gehörten Tatsache und vom Alkohol überwältigt, droht hinzufallen. Beide sind von den sich entblätternden Pfingstrosen übersät.

 

Robert und Lutz gehen Seite an Seite auf die Kirchentür zu. Niemand folgt ihnen.

Draußen, in der strahlenden Sonne, umarmen sie sich freundschaftlich, klopfen sich auf die Schultern und lachen, lachen....

Robert fragt, nachdem sie sich erholt haben: „Bist Du eigentlich immer noch Schauspieler am "Alten Stadttheater?“ Lutz nickt bedeutsam und ein wenig stolz: „Ja, sogar fest angestellt!“

 

Beide nehmen den nächsten Zug in die Stadt.

 

 

Karin Fluche - 2011

 

Pfingstrosen 2011 - K.F.
Pfingstrosen 2011 - K.F.

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain