Die  Sitzung

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/0c/Tatra-strassenbahn-7252_praha-2005-05-16.jpg/220px-Tatra-strassenbahn-7252_praha-2005-05-16.jpg

                                                                                                    

Ich fuhr eine Station in einer fast leeren Straßenbahn.-.

Dann stieg sie ein – eine unauffällig gekleidete, gepflegte Frau, über 40 Jahre alt.

Ihre Haltung war etwas leidend, gebeugt. Vielleicht waren es ja auch ihre vielen Taschen und Beutel, die sie nach vorn zogen.---

Der Einzelsitz mir gegenüber schien ihr gerade recht zu sein, obwohl die Sitzauswahl noch recht groß war.

Dann ordnete sie umständlich ihre Taschen um sich herum und baute mich irgendwie mit ein.

Alsbald hatte ich keine Beinfreiheit mehr und fühlte mich schon in meinem Wohlbefinden beeinträchtigt.---

Sie wiederum, - ich spürte es mehr, als ich es sah-, suchte meine Blicke, verlangte schweigend nach Aufmerksamkeit. .

Um mich abzulenken, schaute ich intensiv aus dem Fenster in die vorübergleitenden Straßen. ---

Dann machte die Unbekannte wiederum auf sich aufmerksam, in dem sie großflächige Gesten des Frierens zeigte, rieb ihre Hände gegeneinander und legte sie dann wärmesuchend auf ihre Knie. Ich fühlte, dass sie mich wieder ansah.---.

In diesem Augenblick erkannte ich klar, dass sie Kontakt zu mir wünschte.

Ich jedoch sträubte mich dagegen, wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden... Eine seelische Spannung baute sich in mir auf.

Ich erwog, den Sitzplatz zu wechseln und schaute über den Gang durch das Fenster auf die andere Seite der Straße.-

Die Frau fuhr jedoch sofort mit dem Kopf hinterher, um zu sehen, was es zu sehen gäbe.-

So ging das Minuten oder waren es nur Sekunden? Mir schien es zu einer Unendlichkeit zu werden.

Plötzlich gab sie jedoch einen „Kältelaut“ von sich oder war es ein einzelnes Wort? -

Jedenfalls schaute ich nun vorsichtig auf mein Gegenüber und traf voll in ihre wartenden Augen.

Zum Ausweichen war es nun zu spät. Irgendwie hielt sie mich fest.... Was sollte ich tun?

 

Ich versuchte ein schwaches Lächeln und nickte kaum merklich.

Damit hatte ich einen Schlüssel in ein verborgenes Schloss gesteckt, eine Tür geöffnet, eine Quelle zum Sprudeln gebracht..

Persönliche Dinge und Begebenheiten aus ihrem Leben, nahe und fernere Probleme, die einer Lösung bedurften, flossen über ihre Lippen, gab sie mir, einer Fremden, einfach zur Kenntnis:

 

Die derzeitige strenge Kälte war ein allumfassendes Thema.-

Sie könne nicht aufhören zu frieren und wäre stets mit zwei dicken Pullovern bekleidet. Grund dafür wäre das Problem mit der Wohnung, diese sei feucht und die Heizung komme nicht weiter als auf 16 Grad. Dann musste ich hören, dass sie vor zwei Jahren eine schwerwiegende Operation hinter sich gebracht hätte und außerdem ein chronisch krankes Kind habe.

 

Die Probleme gipfelten dann in dem Bemerken, dass sie nun auch noch

zu einem Gerichtsprozess geladen sei, weil sie der Vermieterin einen Teil der Miete vorenthalte.- Diese sei nicht bereit , die Wohnung zu sanieren bzw. die Heizung neu einstellen zu lassen.- Die Vermieterin indessen behauptete, sie (die Frau) habe nicht genügend gelüftet und geheizt. Die Wohnung sei bei Bezug trocken und beheizbar gewesen. –

 

 Ich saß still da, an meinen Sitz fixiert und konnte nichts weiter tun, als hören, zuhören....

Ihre Worte überströmten mich wie ein Dauerregen aus einem unbekannten Himmel auf ein ausgetrocknetes Land...

Dauerregen und ausgedörrtes Land vereinte sich in diesem Moment in einer einzigen Person, in dieser fremden Frau....

 

Die Flut ihrer Worte wurde langsamer, leiser und ich bemerkte, dass wir uns ihrer Ausstiegshaltestelle nähern mussten. Sie fing an, wiederum Beutel und Taschen zu ordnen, aufzuheben oder umzusetzen. Ich atmete unmerkbar durch..

 

Jetzt glaubte ich nun doch, ihr etwas sagen zu müssen, brachte dann aber nur heraus: „Alles Gute für Sie!“

Sie stand zu meinem Erstaunen straff und irgendwie gestärkt auf und sagte: „Danke, ich werde das schon schaffen!“

Die Menschenmenge auf dem Gehsteig verschluckte sie. Ihre Geschichte blieb in mir zurück.

 

Karin Fluche

 

 

Anmerkung:

Diese Geschichte steht in keiner Form und zu keinem Zeitpunkt für ein "echtes" Druckbuch zur Verfügung, weil sie bereits in der 2. Anthologie der VHS Magdeburg 2011 veröffentlicht wurde. K.F.

 

 

 

 

 

 

Ich freue mich, dass Sie mich heute besuchen. Es ist genau: Genaue Uhrzeit
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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain