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Die „Herbstbank“

 

Der Park war schon bunt gefärbt. Einzelne gelbe Blätter schwebten leicht wie Federn durch den Tag, ruhten sich auf den leeren Bänken aus.-

Eine Zeit, die Maler gerne auf Bildern einfangen, ruhig, milchig-verhangen.

 

Eine alte Bank stand etwas verloren abseits vom Hauptweg unter einer Kastanie. Ich nannte sie für mich die  "Herbstbank", weil sie im Herbst frühzeitig mit vielen Blättern übersät war. Die Bank hatte im Verlauf der Jahre wohl schon manches Liebespärchen beherbergt. 

 

Es war ein milder wunderbarer Tag im ersten Oktober-Drittel, an dem mir hier zwei Menschen auffielen, wie sie wohl unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Ein älterer Herr, der sehr viel mehr als 70 Jahre seines Lebens hinter sich gelassen hatte, ging sommers und winters hier spazieren und ich begegnete ihm hin und wieder..

Er war stets elegant gekleidet, von schlanker, hoher Gestalt, liebenswürdig-zurückhaltend. Ein junger Mischlingshund begleitete ihn.- Ein höfliches „Guten Tag“ und ich nickte.

Dann nahm er Platz auf der „Herbstbank“ und ich ging vorbei.

Sorgsam entfernte er die herabgefallenen Blätter. Es schien, als ob er auf jemanden warten würde.... Doch er blieb stets allein.

 

Eines Tages war die innere Einkehr und Beschaulichkeit des alten Herrn jedoch vorbei, als eine junge, hübsche, auffallend geschminkte Frau in Jeans und Lederjacke mit einem Jungen den Park durchstreifte.

Der lebhafte Junge fuhr auf einem Roller an ihrer Seite.

Sie lachte laut, wenn der Junge etwas Spaßiges machte und der Junge fuhr kreischend um sie herum.- Aus dem stillen Park wurde eine laute Welt.

 

Die beiden hätten ja sehr gut eine andere Bank finden können, doch nein, sie setzte sich ausgerechnet zu dem alten Herrn.

Das ungleiche Paar trennte vom Alter her ein Sommer, der Sommer des Lebens... Der Mann runzelte unwillig die Stirn und setzte sich an das Ende der Bank. Er distanzierte sich auffallend. Sie rutschte nach und versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sie schaute zunehmend intensiv in sein Gesicht, suchte seine Augen. Er schaute jedoch in eine ungewisse Ferne.

             Manchmal entlockte sie ihm ein mattes Lächeln. Der Junge und der Hund hatten bereits eine Freundschaft geknüpft und waren vollauf beschäftigt.

Oftmals war dem alten Herrn ihr Gerede und Getue zuviel und das Ende der Bank dann unwiderruflich erreicht. Dann stand er abrupt auf und ging ohne Gruß davon.

Doch die junge Frau mit dem Kind kam stets wie bestellt wieder und setzte sich zu ihm. So ging es über einige Zeit....

Dann schien er den ungebetenen Besuch irgendwie zu dulden und strich dem Jungen manchmal übers Haar.

 

Die Tage wurden zusehends kühler, doch das Verhalten der beiden schien sich in eine gewisse

kühle Vertrautheit gewandelt zu haben. Er brachte nun hin und wieder eine Blume für sie mit und sie hauchte ihm flüchtig und mit großem Abstand einen Kuss auf die Wange. An manchen Tagen geschah dies jedoch nicht und sie schienen sich wieder fremder.

 

Kam er hin und wieder nicht zur „Herbstbank“, war die junge Frau still und nachdenklich.

Vielleicht fühlte er sich nicht wohl, war krank...Als er dann nach Tagen wieder erschien, atmete sie tief durch.                                                                              

 

Eines Tages berührte sie wie durch Zufall zögerlich seine Hand. Er zuckte zusammen, entzog ihr die Hand jedoch nicht, schaute sie nun zum ersten Mal voll an.-

Sie gingen an diesem Nachmittag gemeinsam davon, schweigend - Hand in Hand...

Der Junge und der Hund rannten voraus.

Man sah sie von da an nicht mehr im Park. Herbst und Winter kamen und gingen...

 

Im Frühjahr sah ich durch Zufall die junge Frau wieder. Sie war nun dezent geschminkt und gekleidet, sprach leise und angenehm mit dem Jungen.

Der Junge war in diesem halben Jahr gewachsen, Rollern war nicht mehr sein Ding. Er hatte jetzt ein Handy dabei und spielte unentwegt. Der Hund tanzte um sie herum, hatte nichts von seinem Temperament verloren.. Der alte Herr jedoch fehlte...

 

Sie setzte sich auf die „Herbstbank“ des Vorjahres und schaut dem Jungen über die Schulter.

Ein junger Mann in ihrem Alter schlenderte irgendwann an der Bank vorbei,

blieb einen Moment stehen, grüßte lässig mit „Hallo“. Sie lächelte schwach und nickte.

 

Karin Fluche 2010

 

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain