Die Geldanlage - oder "Man darf nicht alles wörtlich nehmen"

 

 

 

Das Geld, eine nicht unbeträchtliche Summe, lag seit längerer Zeit unbeachtet im Schubfach des alten Schreibtisches. Dort roch es muffig, ungelüftet und sehr selten kam die alte Dame, der es gehörte, um es zu betrachten. Manchmal strich sie gedankenvoll mit dem Finger über das Geld. Die alte Dame hatte ein etwas zerknittertes Gesicht und die Geldscheine waren auch nicht mehr faltenfrei. Dahingehend ähnelten sie sich.

 

Eines Tages, nachdem die alte Dame mal wieder nach dem Geld geschaut hatte, nahm sie es heraus, legte die einzelnen Scheine auf ein Bügelbrett und strich sanft mit dem Bügeleisen darüber. Die Scheine sahen nun aus wie neu, glatt und sehr ansprechend. Die gleiche Behandlung für ihr Gesicht wagte die alte Dame jedoch nicht...

 

Sie legte die Scheine ordentlich in ihre Geldbörse, kleidete sich sorgfältig an und entschloss sich, einen Gang in die Stadt zu wagen. Sie hatte vor langer Zeit mal etwas von einem Ort gehört, in dem man Geld verwaltete. Eine Geldanlage!

 

Der Name „Bank“ war ihr noch im Gedächtnis geblieben und so gedachte sie, sich dort ein wenig hinzusetzen und auszuruhen. Vielleicht gefiel es ihrem Geld ja hier auch und sie beide kamen so auch unter die Leute.

 

Sie fand ohne Mühe den Ort, war jedoch verwundert, nicht eine Bank im Sinne einer Sitzgelegenheit vorzufinden. Es handelte sich vielmehr um ein beeindruckend großes Gebäude, in dem laufend Leute hinein- und hinausgingen.

 

Zögerlich setzte sie einen Fuß in die Drehtür und ließ sich in das Innere drehen. Hier fand sie endlich die gewünschte Sitzgelegenheit. Es war eine Art Gartenbank, weiß lackiert und trug ein Schild mit der Aufschrift: „Hier ist ihr Geld gut aufgehoben!“ und „Legen Sie es an, wir kümmern uns darum!“

 

Ja, das wollte die alte Dame, ihr Geld sollte unter seinesgleichen sein.

 

Sie setzte sich bequem zurecht, nahm ihre Geldbörse heraus und aus dieser wiederum die Scheine.

 

Das Geld zeigte sich jedoch widerspenstig, hatte wieder ein zerknittertes Gesicht aufgesetzt. Es gefiel ihm hier wohl nicht so. Die alte Dame wendete leichte Gewalt an, zog und die Scheine gaben nach. Sie legte das Geld, so wie es das Bankschild sagte, an die äußerste Kante der Bank, dicht an die Armlehne. Sie legte es an...

 

Das Leben und Treiben im Hause machte die alte Dame ein wenig müde. Sie beobachtete noch eine Weile das Geld, es tat sich weiter nichts und sie nickte ein.

 

Es mag eine halbe Stunde vergangen sein, als die alte Dame wieder erwachte. Das Leben und Treiben herrschte nach wie im Gebäude. Dann fiel ihr das Geld wieder ein, dass sie es hier hingelegt hatte, an die Armlehne angelegt. Das Geld war nicht mehr da! Sie sagte sich, es müsse sich wohl jemand darum gekümmert haben, wie das Schild es auch versprochen hatte.

 

Mit ihrer Tasche und der leeren Geldbörse stellte sie sich an Tresen und sprach eine schwarzgekleidete Dame freundlich an. Diese fragte zunächst nach einer Bankkarte, also einem gewissen Ausweis für das Geld, schaute dann konzentriert auf ein flimmerndes Bild, dessen Schriftzüge die alte Dame nicht erkennen konnte und sagte schließlich: „Die besagte Summe ist hier nicht eingegangen.“ Wie konnte das sein, eingegangen, gegangen, ihr Geld konnte doch nicht laufen.

 

Die Beraterin gab sich nun nicht mehr freundlich und schaute die alte Dame kritisch an. Dann empfahl sie schließlich einen Besuch bei der Polizei. Bei der Polizei? Es konnte doch nicht sein, dass das Geld gestohlen war. Hier, wo auf der Sitzbank stand, dass ihr Geld sicher sei.

 

 

 

Bei der Polizei fragte man zunächst wieder nach einem Ausweis, aber jetzt nach ihrem eigenen.

 

Die alte Dame erklärte den Sachverhalt aus ihrer Sicht. Dann sagte der Beamte wohlwollend lächelnd: „ Meine liebe Dame, Sie dürfen nicht alles so wörtlich nehmen, was geschrieben steht.“ Sie hörte noch das Wort „Goldwaage“und dann den bitteren Schlußsatz: „Wir können Ihnen da keine großen Hoffnungen machen...“

 

 

K.F. 5/17

 

 

 

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain