Der Neuankömmling                                                

 

 

„Guten Tag, meine Kleine,

willkommen in der Welt, willkommen in der Familie.“

 

So ähnlich mag ich damals gedacht haben, als ich Dich das erste Mal in den Armen hielt. Ich drückte einen behutsamen Kuss auf Dein schlafendes Gesichtchen, das eine wundersame Zufriedenheit ausstrahlte.

 

Wie lange hatten wir, mein Mann und ich, diesen Augenblick herbeigesehnt, gehofft und gewartet und ganz sicher vorher die zukünftigen Eltern genervt.

Oh, ja, sie hatten sich Zeit genommen mit dem Nachwuchs. Damals, sechzigjährig, glaubte ich fast schon nicht mehr,  jemals Oma zu werden.

 

 „Ich bin Deine Oma - Oma Karin“ stellte ich mich sehr leise, ja, fast unhörbar, bei dem kleinen Wesen vor.

Ein kleine Bewegung der Augen unter den geschlossenen Lidern..

Ich wiegte Dich ein wenig und ging ein paar Schritte im engen Zimmer des Krankenhauses hin und her.

 Deine Mama sah uns zu und lächelte ein wenig. Sie öffnete wie in einem Halbkreis ihren Arm über dem Kissen und ich legte Dich sorgsam hinein. Eine wortlose Aufforderung, ins Nest zurückzukehren. Das Bild eines kleinen Vogels...

 

In dieser Zeit dachte oft an die Geburt meines eigenen Sohnes vor 36 Jahren zurück. Es waren andere Zeiten, gewiss. Doch die Freude meiner Mutter, als sie zum ersten Mal ihren Enkel sah,  muss die gleiche gewesen sein. Ich kann es heute, selbst Oma, stark nachempfinden.

 

Meine kleine Große, nun bist Du bereits fast dreizehn Jahre und die älteste von weiteren zwei Geschwistern.

Liebevoll und doch mit einer gewissen Energie umsorgst Du Deinen kleinen zweijährigen Bruder, den Du so sehnlichst noch herbeigewünscht hast.

Du wirst bestimmt einmal eine tolle Mutter! 

 

 

Karin Fluche

 

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain