http://images.itemsearch.edelight.biz/resized/normal/220/niobyjvh2cegam5d.jpgDas Auge                                                                                          

Oder: „Der Ring der alten Dame“

 

In der kleinen Stadt, ein wenig außerhalb gelegen, standen vor Jahren einige neugebaute Häuser, darunter auch mehrere Zwei-Familien-Häuser. Jedes dieser Häuser hatte jedoch einen eigenen Eingang. Hinter dem Haus befand sich ein großer Garten, der durch einen Holzzaun in der Mitte geteilt wurde. Jede der Familien lebte im Prinzip

für sich...

In dem Haus 8a und 8b in der Blumenstraße wohnte in der einen Haushälfte eine alleinstehende alte Dame und im anderen Eingang eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen. Das Mädchen mochte wohl 7 oder 8 Jahre alt sein, ein aufgewecktes freundliches Kind mit langen braunen Haaren.

Die junge Familie verstand sich mit der alten Dame sehr gut, sie pflegten eine angenehme Nachbarschaft miteinander.

Die Frau und das Mädchen kauften für die alte Dame ein und halfen ihr bei den Beschwerlichkeiten des Alltags. Die alte Dame hingegen betreute sehr gerne das Mädchen nach der Schule, wenn die Mutter arbeitete. Das Mädchen sagte nach einiger Zeit „Oma“ zu ihr und die „Oma“ lächelte dann... Sie hatten zu einander Vertrauen...

Die alte Dame hatte vor zwei Jahren ihren Ehemann verloren, mit dem sie über 50 Jahre in Liebe und Harmonie gelebt hatte. Er war einfach so in ihren Armen eingeschlafen, es hatte ihm nie etwas gefehlt.-.

Sie selbst war eigentlich nie richtig über den Verlust hinweggekommen und in ihrem Verhalten hatte sich etwas geändert. Sie sprach manchmal leise mit ihrem Ehemann und die Leute belächelten sie ein wenig.---

 

Die alte Dame trug in den 50 Jahren ihrer Ehe stets zwei Ringe, die sie niemals ablegte. Es war ihr Ehering und der Verlobungsring ihres Mannes, der ihr sehr wichtig war...

Der Verlobungsring war ein schmaler Silberring mit einem wunderbar leuchtenden blauen Stein, der in der Mitte einen merkwürdigen dunklen Fleck besaß und wie ein Auge anmutete. Die alte Dame erzählte manchmal, dass ihr Mann Augen in dieser Farbe gehabt habe. Seitdem er nun nicht mehr lebte, nannte sie den Stein „Auge“ und strich dann liebevoll darüber.---

                   Eines Tages, nachdem sie mal wieder einen kleinen Spaziergang im Garten unternommen hatte, bemerkte sie nach Stunden, dass dem Verlobungsring der Stein, „das Auge“, fehlte. Ihr Entsetzen war so groß, daß sie immer nur mit dem Zeigefinger auf die leere Fassung deutete und kein Wort hervorbrachte. Erst später lösten sich die ersten Tränen.

 

Als das Mädchen an diesem Tage aus der Schule kam und nach der „Oma“ schaute, saß diese immer noch hilflos da und weinte... Die Kleine umarmte sie, sprach ihr gut zu und strich der alten Dame übers Haar.. Dann suchten die beiden die ganze Wohnung ab - vom Keller bis zum Dach. Später half auch die Mutter des Mädchens mit – der Stein, „das Auge“ , blieb jedoch verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.-.

Nach ein paar Tagen, - der Stein war immer noch nicht aufgetaucht-, hatte sich der Zustand der alten Dame verschlimmert. Sie fantasierte geradezu, ihre Worte waren lauter geworden.... Um der alten Frau eine Freude zu machen, holte das Mädchen eines Tages ihr „Schatzkästchen“ aus der eigenen Wohnung nebenan.

Das Schatzkästchen hatte eine lange Tradition, zuvor besaß es die Mutter als Kind und davor die Großmutter... .

Alles, was irgendwie von ideellem Wert war, lag seit Jahren hier drin.

Das Mädchen legte der alten Dame die verschiedensten kleinen Dinge in den roten Wollrock und hielt zu jedem Teilchen eine Erklärung bereit. Es fanden sich unter anderem ein großer brauner Holzknopf, die defekte Armbanduhr der Mutter, ein buntes Schneckenhaus, eine gepresste Rose, ein Band mit einem Silberfaden, ein Stück Papier mit einer alten Schrift, eine rosa Plastekette., eine Münze aus alter Zeit..... Es waren nur noch wenige „Wertstücke“ im Schatzkästchen, als das Mädchen und die alte Frau zur gleichen Zeit einen schrillen Schrei ausstießen und fast wäre der Gegenstand dem Mädchen aus der Hand gefallen. Sie hielt in ihrer kleinen bebenden Hand „das Auge“, den vermissten Stein der alten Dame..

Beide weinten und lachten zugleich, als sie sahen, dass der Stein unbeschädigt war...

Die Mutter des Mädchens ließ am gleichen Tag den Stein vom Juwelier in den Ring einpassen.

Als der Ring mit dem blauen Stein wieder am Finger der alten Dame glänzte, ging es dieser zusehends wieder besser. Ihr Gemüt wurde täglich klarer und sie nahm das Leben wieder mit Freude wahr. Nur wenn sie allein war, sprach sie noch ganz leise mit ihrem lieben Mann. Sie dankte ihm, daß er ihr den Stein neu geschenkt hatte..

 

Jedoch wie „das Auge“ in das Schatzkästchen des kleinen Mädchens gelangt war, blieb ein Geheimnis, ... für immer ungeklärt....

 

Karin Fluche 4/2010

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain