Adventliche  Begebenheiten                                                              

oder "Drei Wochen vor Jahresabschluss"

 

„Jahresabschluss“, das klingt nach Bericht, Protokoll, Abrechnung, Inventur und vor allem nach Zahlen und Kosten...

Aber keine Angst, so trocken, staubig und langweilig wie ein betrieblicher Jahresabschluss sind die hier dargestellten Begebenheiten wirklich nicht und „Kosten“ beziehe ich hier im Sinne von Essen auf das Probieren von Speisen.

 

Ich hatte vor zwei Tagen einen kleinen frischen Adventkranz im Hinblick auf den ersten Advent-Sonntag gekauft und freute mich schon, diesen zu schmücken. Bis dahin hatte ich den Kranz sorgsam auf einen alten Holztisch in der Ecke des Balkons gelegt.

Wiederum zwei Tage später fand ich in der Nähe des Kranzes in einer vorher fast unsichtbaren Rille des Tisches eine Reihe größerer und kleinerer grau-brauner Pilze. Die Rille am Tisch hatte dem unbändigen Wachstumsdrang der Pilze nachgegeben und zeigte jetzt eine nicht mehr übersehbare Stelle auf der Tischplatte. Das Innenleben einer Pressplatte schaute heraus.

Mein Mann sagte stolz: “Das sind Austernseitlinge, sie sind essbar!“

Wir lachten und ich meinte: „Vom Tisch auf den Tisch – frischer geht’s nicht.“ – Gegessen  und nicht einmal gekostet haben wir sie dann doch lieber nicht.

Soweit zur “Kosten-Auslegung.“

 

Meisen und Spatzen hatten indessen ihrerseits den Jahresabschluss soweit vorbereitet, dass sie mein Adventkränzchen in Grau - Weiß mit ihren Hinterlassenschaften geschmückt hatten  und nicht meinem ausdrücklichen Wunsch, in Rot, nachgekommen waren. Der Kranz fand seinen letzten Ruheplatz im Mülleimer und ein Nachfolger musste her.

 

Die dritte Begebenheit, die auf eine Veränderung im Jahreslauf, auf einen „Jahresabschluss“,  hindeutete, war ein behäbiger künstlicher Weihnachtsmann, der unbedingt an der Fassade eines nahegelegenen Hotels hochklettern sollte.

Er weigerte sich jedoch offensichtlich vehement und ließ sich trotzig immer wieder fallen. Vielleicht war es ihm auch zu kalt, den ganzen Tag hier zu hängen oder er war einfach zu dick und unsportlich....  Seine „Chefs“ beschlossen daher, ihrerseits nun gnatzig, ihm die „Faust“ zu zeigen. Eiserne Technik wurde angefahren.. –  Damit war der Willen dieses Weihnachtsmannes dann endgültig gebrochen.

 

Am gleichen Tag fand ich dann noch einen roten Schal, festgehakt am Forsythienstrauch meines Gartens.  „Das ist ein Hinweis der Heiligen Barbara“, dachte ich.

Zu Hause stellte ich einige Forsythienzweige in eine Bodenvase nahe des Fensters. Sie blühen dann bei gutem Willen zum Weihnachtsfest.

Tatsächlich, heute war der 4. Dezember, „Barbara-Tag“ und noch drei Wochen bis Weihnachten.

Am Heiligabend stellte ich fest, sie waren mir wohlgesonnen, die Forsythien blühten. Vielleicht hatte auch die Heilige Barbara wieder einmal ihre Wunderkraft gezeigt... 

 

 

Ich freue mich, dass Sie mich heute besuchen. Es ist genau: Genaue Uhrzeit
Datum von heute

Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain