Geschichten aus Kindertagen der Jahre 1945/46                             Karin Fluche

 

 

Rollerfahren

 

Im Frühjahr des Nachkriegsjahres 1946 bekam ich von meinen Großeltern meinen ersten Roller geschenkt. Wie und woher sie ihn beschafft hatten, danach habe ich damals  nicht gefragt und  heute ist niemand mehr da, der die Frage beantworten könnte.

 

Jedenfalls war die Freude groß und warme trockene Frühlingstage ließen es zu, dass der Roller sofort in Gebrauch genommen wurde.

Der Roller war nicht so schön, wie man es sich heute gemein hin vorstellen könnte, vielleicht luftbereift und mit sonstigen technischen Schikanen ausgestattet.

Nein, es war ein einfacher Holzroller und im wahrsten Sinne des Wortes in allen Teilen aus Holz.

Eine Sperrholzlatte diente als Trittbrett, darunter vorn und hinten zwei Holzräder mit einem dünnen Gummibezug.

Die „Lenksäule“ war eine weitere Holzlatte, ein wenig abgerundet, um die Verletzungsgefahr einzudämmen. Quer darüber der eigentliche Lenker, ebenfalls abgerundet und trug als Extra sogar einen leichten geriffelten Gummibezug an den Enden, um die kleinen Hände zu schützen.

Aber das Wichtigste und Allerschönste am Roller war ein großer knallroter Zeiger unter dem Lenker, der vom Fahrer mit einer kleinen Kurbel von der Innenseite bedient wurde.

 

In der Straße hatte kaum ein Kind einen Roller und so hatte ich jede Menge Aufmerksamkeit.

Ich rollerte einmal in der Straße hin und her, um die Ecke, Zeiger raus, Zeiger rein und wieder zurück. Vor unserer Haustür hatte sich eine Kinderschar angesammelt, die sich anschubsten, ja drängten und mich mit Fragen bombardierten wie: „Kann ich auch mal?, Darf ich auch mal rollern“? .

Sie zogen teilweise bereits am Lenker und ich, ein kleines schüchternes Mädchen,

gutherzig, wagte es nicht, „Nein“ zu sagen.

 

So zog der Roller Runde um Runde mit atemloser Ablösung. Der Zeiger wurde mehr als strapaziert, soviel wurde er in Anspruch genommen, denn niemals, seit seiner Herstellung wurde er soviel herein und herausgefahren. Im zweiten Drittel seiner kurzen Lebenszeit machte er schlapp, die Kurbel fand keinen Halt mehr und der Zeiger hing traurig nach unten.

 

Damit war das Interesse am Roller bei den Kindern erloschen und ich weinte, schleppte den Roller in den Hof und rief nach meiner Mutter..

Mein Opa, der Handwerker war, versuchte noch den Zeiger zu reparieren, was jedoch nur kurze Zeit hielt.

Er fuhr mir mit der schwieligen Hand über den Kopf und versprach: „Ich werde mal zusehen,

dass Du irgendwann einen schönen neuen Roller bekommst, vielleicht zu Weihnachten.. Ich kenne da wen...“.

 

Ob er das Versprechen eingelöst hat, daran erinnere ich mich nicht mehr!

 

 

 

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain