Meine erste Begegnung mit dem Weihnachtsmann                                     

 

 

Es muss in den Nachkriegsjahren 1945/1946 gewesen sein, als ich erste Mal den Weihnachtsmann als eine lebende Person sah.

 

Ich kannte zwar den Weihnachtsmann aus Bildern eines alten Buches, das mir meine Mutter manchmal zum Anschauen gab. Aber wie er in natura aussah...

In diesen Tagen zog ein junger Mann, entlassen aus der Gefangenschaft, zwei Treppen höher über uns zu seinen Eltern. Er trug immer die gleichen abgetragenen Stiefel und eine abgewetzte Hose – Die Kinder nannten ihn Onkel Lausch.

 

Meine Mutter sagte ein paar Tage vor Weihnachten: „Na, jetzt kommt bald der Weihnachtsmann. Freust Du Dich?“

Ich wusste es nicht so recht und war eigentlich mehr ängstlich gespannt.

 

Dann war der Heilig-Abend da und meine Familie, meine Eltern, Großeltern und die Tante, saß um den großen Tisch in der warmen Wohnküche, der mit Kaffeegeschirr und einem Gebäck gedeckt  war, eine Kerze in der Mitte.

Mein Opa hatte auch einen Weihnachtsbaum organisiert, der aber in der kalten Wohnstube stand. Dort wurde aus Mangel an Kohlen auch am Heilig-Abend nicht geheizt und so konnte ich nur hin und wieder einen Blick auf den Baum erhaschen, wenn meine Mutter etwas aus dem Zimmer holte.

 

Wieder hörte ich in meine Richtung sagen: „Jetzt ist’s bald soweit, pass auf!“ Die Erwachsenen erzählten halblaut und ich drückte mich an die Seite meiner Oma, die mich umfasst hielt.

So warteten wir auf den Weihnachtsmann.

 

Wir wohnten zu der Zeit in einer Hinterhofwohnung. Drei Stockwerke führten nach oben, knarrende alte Treppen aus Holz. Aus den Bildern wusste ich, dass der Weihnachtsmann eigentlich mit einem Schlitten käme von der Strasse aus. Aber an diesem Abend lag bei uns kein Schnee und so musste er wohl zu Fuß sein und ich guckte hin und wieder hinunter auf den Hof.

 

Plötzlich hörten wir zwei Treppen über uns einen mächtigen Krach und Gepolter und meine Mutter sagte leise: „Jetzt“!

Mit einem unbeschreiblichen Gepolter kamen Schritte von oben aus Richtung Dachboden über die alte Holztreppe.

Ich hielt den Atem an, als die Schritte vor unserer Tür endeten. Ein Augenblick der Stille. Dann klopfte es mit grober Faust an die Tür und meine Mutter rief freundlich „Herein.“

In der Tür stand ein riesengroßer roter Kerl mit Kapuze und in seinem Gesicht sah ich nur weiße Locken und Bart.

 

Er deute mit seinen kräftigen Armen auf mich und fragte mit grober Stimme etwas. Dann zeigte er auf sich und wollte, dass ich zu ihm käme. – Ich war so geschockt und erschreckt über das Bild dieses Weihnachtsmannes, dass ich blitzartig unter den Tisch kroch und dabei noch fast den Tisch abräumte. Voller Angst klammerte ich mich an ein Bein, das mir am nächsten war. Es war das dick bestrumpfte Bein wiederum meiner Oma, das in einem klumpigen Filzschuh steckte. Es war wie eine Notrufsäule, warm, tröstend, Hilfe gebend.

Ich weinte vor mich hin, war nicht zu bewegen, hervorzukommen.

Dann sah ich durch meine Tränen auf einmal, dass mir die Stiefel unter dem roten Rand des Mantels irgendwie bekannt vorkamen...

Nachdem all seine Bemühungen, mit mir zu reden, keinen Erfolg hatten, ging der Weihnachtsmann dann endlich wieder und jemand sagte über der Tischplatte: „Meine Kleine, Du kannst vorkommen, der Weihnachtsmann ist weg!“

Vorsichtig guckte ich dann nochmals in Richtung der Tür und tatsächlich der rote Rand des Mantels und die Stiefel waren weg.

Später am Abend sagte ich dann noch zu meiner Mutter: „Mutti, der Weihnachtsmann hatte die Stiefel von Onkel Lausch an.“

Meine Mutter sagte nichts, guckte aber komisch zur Seite, und meine Tante hustete krampfhaft vor sich hin.

 

Ich erhielt dann einige Geschenke, die der Weihnachtsmann dagelassen hatte: Eine Puppe mit Schlafaugen und eine selbstgestrickte Mütze und Schal.

Die Puppe muss kränklich gewesen sein. Sie machte das viele Hinlegen und Aufstehen, d. h. Augen auf und Augen zu, nicht lange mit und so tippte ich ihr mit dem Finger auf die Augen, um die schwarzen Wimpern zu fühlen. Das muss wohl ein wenig heftig ausgefallen sein, denn die Puppe verdrehte die Augen nach innen und schließlich fielen sie rückwärts in ihren Kopf.

Sie hatte dann nur noch schwarze Augenhöhlen und im Kopf klapperte es.

Ich weinte und wollte diese Puppe nicht mehr haben.

Die Puppe verschwand eines Tages auf Nimmerwiedersehen und irgendwann erhielt ich eine schöne mittelgroße Zelluloid-Puppe mit Käuzchenfrisur, die ich auf Anhieb sehr liebte. Sie war ganz frisch gekleidet, trug Stricksachen und ich nannte sie „Bärbel“.

Die Bärbel hat mich mein ganzes Leben lang begleitet und ich habe sie heute noch.

 

Karin Fluche

 

 

 

 

 

 

 

Ich freue mich, dass Sie mich heute besuchen. Es ist genau: Genaue Uhrzeit
Datum von heute

Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain