Geschichten aus Kindertagen der Jahre 1945/46   II                                    Karin Fluche

                       

Kartoffelsuppe und Tapferkeitsbonbon

 

Eines Tages bekam ich mit fünf oder sechs Jahren einen kleinen metallischen Kochherd geschenkt mit drei Feuerstellen, fast so, wie er in der Wohnküche meiner Eltern stand. Außerdem gehörten ein paar Kochtöpfchen unterschiedlicher Größe zum Herd.

Eine kleine Kerze sollte für die nötige Kochtemperatur sorgen.

 

Am nächsten Tag musste natürlich sofort Suppe für die Puppe und den Teddy gekocht werden. Meine Mutter selbst kochte sehr oft Kartoffelsuppe und ich aß sie gerne.

Kartoffeln waren so ziemlich das Einzige, das wir immer an Essbarem hatten -  dank meinem Opa, der im Herbst die Kartoffelfelder auf eigene Faust „aberntete..“

 

Aber zurück zu meiner Suppe. „Was möchtest Du nun kochen“?, fragte meine Mutter und natürlich war die Antwort: „Kartoffelsuppe“..

Wir hatten in der Küche unter dem Fenster ein kleines Schränkchen. Darauf stellte meine Mutter den Kochherd, holte einen kleinen Kerzenstumpf aus dem Nebenzimmer und schob eine Fußbank ans Fenster.


Soweit war der Kochakt nun gut vorbereitet. Meine Mutter war eine prächtige Küchenhilfe. Sie schälte sogar eine kleine Kartoffel für mich und legte ein winziges Stück Mohrrübe dazu.

„So“, sagte sie dann, „klein schneiden musst Du sie allein, damit alles in den Topf passt.“

 In den größten Topf hatte ich etwas Wasser hineingetan. Ich erhielt ein kleines Küchenmesser mit einem längeren Gefahrenvortrag. „Immer schön aufpassen und nicht in den Finger schneiden.“ Ich versprach es hoch und heilig.


Meine Mutter sah mir eine Weile zu. Alles ging gut. Ich schnitt sorgsam ein paar kleine Stücke ab und meine Mutter wandte sich ihrer Arbeit zu..

Dann schrie ich plötzlich auf! Blut auf dem Messer, auf der Kartoffel und Tropfen an meinem linken Zeigefinger. Meine Mutter rannte sofort nach Verbandszeug und umwickelte die kleine Stelle. Dann blutete es nicht mehr und ich war getröstet. Die Suppe wurde an dem Tag nicht mehr fertig.

In dieser Nacht soll ich sehr unruhig geschlafen haben und am Morgen stellte meine Mutter eine Entzündung der Schnittstelle fest. Der Finger sah rot und prall-glänzend aus.

 „Wir gehen jetzt zu Dr. Meiser und zeigen den Finger!“


Dr. Meiser war mir wohlbekannt durch häufiges in den „Hals-gucken“, wenn die Mandeln wieder geschwollen waren.

Der Doktor war immer freundlich, hatte ein rotbackiges Gesicht mit einer Goldrandbrille und am Kinn eine Art Ziegenbart.

„Na, was haben wir heute?“ fragte er gütig und weil ich nicht antwortete, zeigte meine Mutter auf meine Hand. „Laß  mal sehen.“ Er wickelte vorsichtig den Verband ab und sagte etwas Unverständliches zur Schwester. „Nicht so schlimm“ und  er lächelte mich an.

„Ihr könnt dann wieder gehen“ und ich hörte mich erleichtert atmen.


Er begleitete uns bis an die Tür des Sprechzimmers, die Schwester dicht an seinem Rücken.

„Auf Wiedersehen“ sagte er und fasste nach der kranken Hand. Ich zuckte ein wenig. „Nur noch ein bischen einsprühen“ murmelte er. Die Schwester sprühte etwas auf den Finger, das sich eiskalt anfühlte. Dann sah ich aus den Augenwinkeln einen silbrigen Blitz hinter dem Rücken des Doktors hervorkommen und über den besprühten Finger streifen.

Die Schwester hielt eine Schale unter den Finger und eine gelbliche Flüssigkeit lief herunter.


Meine Mutter drückte mich an sich: „Alles gut, hat gar nicht weh getan.“

Ich erhielt ein Tapferkeitsbonbon und einen dicken Verband um den Finger, den ich stolz in die Luft hielt. Dann nahm meine Mutter meine gesunde Hand und wir gingen noch einkaufen!

 

 

Ich freue mich, dass Sie mich heute besuchen. Es ist genau: Genaue Uhrzeit
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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain