Wenn der Apfelbaum lächelt

 

 

Herr und Frau G. besaßen einen kleinen Garten, an dem sie viel Freude hatten. Sie waren fast jeden Tag dort, denn es gab immer etwas zu tun, aber natürlich auch Zeiten der Erholung.

 

In diesem Garten wuchsen viele alte, teils sehr alte, Bäume, die schon der Vorbesitzer und die Vor-Vor-Besitzer des Gartens gepflanzt hatten.

Das bedeutete einen ziemlichen Arbeitsaufwand, denn sie mussten auch gegossen, gegen Ungeziefer geschützt, gestützt und schließlich auch geschnitten werden.

Mancher der Gartennachbarn und Freunde erteilte dann gern und häufig gute Ratschläge. Dieser und jener Baum wäre krank, bringe nicht mehr genügend Früchte, wäre insgesamt nutzlos, müsse also weg, ...entsorgt werden...

Doch da Herr und Frau G. in jedem Baum einen „lieben Freund“ sahen, „überhörten“ sie stets die wohlmeinenden Hinweise.

Einfach einen Baum entsorgen, nur weil er schon älter war und seinen von der Natur gestellten Aufgaben nicht mehr genügend nachkommen konnte, das ging nun wirklich nicht.

Wenn man sich einfach mal vorstellte, dass diese Bäume Menschen wären, ältere Menschen..., - einfach so entsorgen...

 

Besonders angetan hatte es Herrn und Frau G. ein alter Apfelbaum, der auf ihrer Wiese stand.

Er trug nicht mehr viel Äpfel, die meisten von ihnen waren stets krank und auch der Baum selbst sah nicht mehr allzu gesund aus. Aber er hatte die schönsten Blüten Jahr für Jahr und spendete selbstlos vom Frühjahr bis zum Herbst Schatten für die Familie G. –

Außerdem unterhielt der Apfelbaum eine gute Nachbarschaft zum Fliederstrauch und zur Brombeerhecke. Mit der Brombeer-Hecke hatte er eine Art „Abkommen gegenseitiger Hilfe“ geschlossen, denn in der Reifezeit der Früchte stützten sich nämlich die Brombeer-Ranken auf den Apfelbaum und er seine Zweige auch auf sie.

In der Nähe standen noch einige Duft -Rosen, mit denen der Baum sich auf besondere Weise verbunden fühlte. Zu diesen bestand eine lockere Familienbande, denn sie trugen, wie er, den Teil-Namen „Rose“.

Ja, der Apfelbaum von Herrn und Frau G. war in der Tat etwas Besonderes, ein „Rosen-Apfel“, eine alte Sorte und schon deshalb sehr schutzbedürftig.

Und immer, wenn jemand das Ehepaar G. aufforderte, diese „Krücke“ doch nun endlich zu umzuhauen, dann legten sie schützend die Hände um seinen rissigen Stamm

„Der Baum bleibt stehen, solange wir leben“, sagten sie dann häufig.

Der Apfelbaum bedankte sich in all den Jahren und auch noch heute für die Fürsorge mit vielen Blüten und neuen Austrieben..

 

Frau G. entdeckte in diesem Sommer für sich zwischen den Zweigen ein lächelndes filigranes Gesicht. „Es ist ein Baum-Gesicht“, sagte sie stolz.

Herr G. dagegen sah auf einem der großen Äpfel ein Schmunzeln, das vier bis fünf Schorfstellen hervorzauberten.

 

Nun, wie dem auch sei, das Ehepaar G. war sich jedenfalls dahingehend einig, dass der Apfelbaum ihnen manchmal auf seine Weise zulächelte.

 

Karin Fluche

12/08

 

 

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain