UNDERCOVER MEN

 

Seit Tagen schneite es unaufhörlich, mal ein feines Streuen, dann wieder klopfte Frau Holle die Betten so kräftig aus, dass dichte Flocken tanzten. Die Temperaturen bewegten sich Tag und Nacht nur noch unter Null Grad.

Alles vor dem Fenster sah einheitlich weiß aus, nur wenn mal wieder ein Schneeschieber vorbeikam, war ein schmaler dunkler Streifen zu sehen. Sonst hob sich kein Farbtupfer aus dem Umfeld des Hauses ab.

 

Eines Morgens, nach dem obligatorischen Blick aus dem Fenster, stand jedoch zu meinem Erstaunen seitlich zwischen Gehweg und Radweg eine eher dicklich zu nennende männliche Person unbestimmten Alters. Ihr Gesicht schaute unablässig in die unserem Haus abgewandte Richtung.

 

Der Mann wollte wohl eher einen unauffälligen Gesamteindruck machen, bewirkte aber hingegen eine gewisse Neugier bei mir.

Es war sein „Gehabe“, das mich in seiner absoluten Stille und Bewegungslosigkeit in eine Art Unruhe versetzte, die fast in Nervosität überging. Irgendwie hatte ich das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden.

Die Person war vorwiegend in weiß gekleidet, abgesehen von einem schwarzen, unmodernen Hut und einem dicken roten Schal um den Hals. Sie trug den Schal ja auch sehr zu Recht, denn stundenlanges Stehen in der Kälte und auf einer Stelle konnte einem schon eine schwere Erkältung einbringen.

Außerdem hielt sie im rechten Arm eine Waffe, die zwar etwas hölzern aussah, aber dennoch auch irgendwie gefährlich.... Doch eine Amsel, die auf seinem linken Arm spazierte, blieb davon unbeeindruckt!

Ich dachte so bei mir: „Na, was ist das für einer, der könnte auch Maler, Arzt oder Laborant sein, vielleicht Apotheker,... in der Kluft...“ und besprach das auch so mit meinem Mann.. Aber mit einer Waffe? und wir schauten uns vielsagend an.

Es könnte auch ein Undercover-Ermittler sein. Sollte sich etwa ein Kriminal-Fall in unserer Nähe zutragen?

Man hört ja soviel..., die Medien, Fernsehen, Zeitungen.

 

Im Profil konnte ich sehen, dass das eine für uns sichtbare Auge schwarz und feurig erschien, südländisch vielleicht. Außerdem fiel mir seine wohl durch die Kälte angeschwollene rote Nase auf.. Also, lieber erst einmal Zurückhaltung üben!

 

Nun, alle Spekulationen halfen nichts und er stand da, von morgens bis abends und nachts.

Ohne Kommentar, ohne Aktivitäten. Er war eben immer da!

Dann, eines Tages, nachdem ich mein Misstrauen etwas im Griff hatte, kam der Gedanke, dass der Mann vielleicht sogar eine gewisse „Beschützerfunktion“ bekleidete. Er hatte möglicherweise hier zu stehen von Amts wegen, gar auf höheren Befehl...

 

Nachdem wir uns überraschend ein freundlicheres Bild von dieser geheimnisvollen Person gezeichnet hatten, fasste ich mir ein Herz und ging geradewegs auf ihn zu.

Ich sprach auf ihn ein.

Leider reagierte der Fremde, wie erwartet, nicht, schwieg beharrlich.

Irgendwie wurde ihm mein Gerede dann aber doch zuviel. Er klappte seinen schmallippigen Mund plötzlich auf und ließ eine Reihe schwarzer Stummelzähne sehen.

Da war ich doch etwas geschockt und fasste nach der Hand meines Mannes.

 

Am anderen Morgen schaute ich wie gewohnt aus dem Fenster. Der Unbekannte stand nach wie vor an der vertrauten Stelle.

An seiner Figur hatte sich eine Kleinigkeit verändert, er schien mir nicht mehr ganz so dick zu sein... und um seine weißen Stiefel zog sich eine leicht gelbliche Spur. Ein Hund hatte dem Fremden im wahrsten Sinne des Wortes „ans Bein gepinkelt“ und war dann auf und davon. Die Spuren zeigten seine Richtung.

Aber auf diese Beleidigung reagierte der Fremde gelassen, duldsam, ohne jede Regung,

er machte einen fast amüsierten Eindruck.

 

An diesem Tage sagte eine nette Dame im Radio, dass die Kälte in den nächsten Tagen zurückgehen und die Wetterlage sich milder gestalten würde. An diesem Zustand wäre ein Hoch aus dem Süden schuld, das auf den schönen Namen „Karin“ hörte.

„Nun, das wäre ja wunderbar“ meinte mein Mann und wir atmeten irgendwie auf.

„Karin“, sagte er und wir lächelten uns an.

 

Dieses Hoch muss auch Einfluss auf den Kreislauf des unbekannten Mannes genommen haben, denn plötzlich fiel er um, in sich zusammengekrümmt. Jemand hatte ihn wohl noch zum Arzt gebracht, denn er war ein paar Stunden nach dem „Kollaps“ nicht mehr da.

Eine andere Variante ist natürlich, dass er von seinem „Chef“ von dem wochenlangen Beobachtungsposten abgezogen und mit einer neuen Aufgabe betraut worden war.

 

In jedem Fall muss große Eile vorgelegen haben, denn er hatte noch den alten schwarzen Hut vergessen, den Schal und die „Waffe“.

Eben, das Ding mit der Waffe könnte ihm beim Vorgesetzten noch erheblichen Ärger einbringen - so meine Gedanken.

 

Wir schauten vorsichtshalber am Nachmittag noch nach ihr, um sie zu „bergen“ und konnten es nicht fassen, denn dicht am „Kolben“ der Waffe sah etwas grünbraunes Gras hervor und ein winzig-kleines Schneeglöckchen zeigte ein weißes Häubchen.

 

Karin Fluche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain