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Spuren aus der Vergangenheit

 

Der Schauplatz ist eine alte Villa, einstmals sehr vornehm, etwa aus den Gründerjahren oder älter. Eine schmale Galerie mit niedrigen kompakten Säulen läuft um die obere Etage. Das Haus scheint unbewohnt und macht einen verfallenen Eindruck. Es versteckt sich auf eine bestimmte Weise. Dornröschen-Atmosphäre und dennoch ganz anders.

 

Es ist ein heller Herbstnachmittag.  Die niedrig stehende Sonne spiegelt sich in der wunderschönen Glas-Haustür mit eingeschliffenen Blüten.

Diese allein lockt den Besucher an, einen Blick in das Innere des Hauses zu werfen. Eine goldfarbene schwere Klinke rundet das Gesamtbild ab.

Trotz innerer Abwehr entschließe ich mich, einzutreten.

Das Haus ist zu meinem Erstaunen nicht abgeschlossen und die Tür gibt mit einem knarrenden Ton nach.

Ich stehe im Treppenhaus, das durch einen Perlenlüster mattgelb erhellt wird. Staubteilchen tanzen herum. Einen Moment sehe ich nichts und eine unbestimmte bedrückende Schwere nimmt mir etwas den Atem.

Um mir etwas Mut zu machen, rufe ich halblaut fragend „Hallo?" Niemand antwortet. Das Haus bleibt still und doch kommt es mir vor, als wenn es atmet. Es riecht muffig, ungelüftet und trotzdem auch wie nach einem schwachen Parfüm.

 

Dann sehe ich, dass sich vor mir eine breite elegante Treppe in die obere Etage windet, ausgelegt mit einem zerschlissenen roten Läufer. An der linken Seite begleitet ein goldfarbener Handlauf die Stufen und zwischen den Verbindungsstücken zieht sich jeweils eine dicke Seidenkordel..

 

Zögerlich setze ich einen Fuß auf die unterste Stufe, um einen Blick in den oberen Flur zu werfen. Zugleich spüre ich, dass irgend jemand oder irgend etwas im Haus mich beobachtet. Es ist kein freundliches Gefühl...

Wer mag hier vor Jahren ein- und ausgegangen sein? . Vielleicht Hoheiten zu großen gesellschaftlichen Anlässen? Fast höre ich Ballkleider rauschen und glaube, eine Musik aus vergangener Zeit zu hören. Irritiert schaue ich immer zurück. Niemand ist da und ich atme durch.

 

Schließlich habe ich die obere Stufe erreicht, schaue aber noch einmal hinunter. Vielleicht auch, um mir den Fluchtweg einzuprägen, falls es soweit kommen sollte.

Wohl ist mir absolut nicht und ich wünschte, ich wäre nicht allein...

Auch hier oben brennt seltsamerweise ein prachtvoller Leuchter in einem matten Licht. Ein breiter abgetretener Teppich mit orientalischen Motiven liegt auf dem Boden. Bei näherem Hinsehen könnten es auch menschliche Umrisse sein.

Rechts und links der Treppe gehen einige geschnitzte Türen ab. Sie wirken vergilbt wie Stücke eines alten Briefes. Im dunklen ungewissen Hintergrund glaube ich das Geländer einer Holztreppe zu erkennen, die nach oben führt...

Auf die nächste Tür gehe ich zu, drücke die Klinke nieder. Die Tür ist verschlossen, auch die anderen Türen und irgendwie bin ich dankbar dafür...

Zwischen zwei der Türen hängt ein altes Bild in einem goldenen ovalen Rahmen, das eine männliche Person zeigt in fremdartiger Bekleidung. Strenge schwarze Augen scheinen mich zu verfolgen und wiederum fühle ich mich sehr unwohl. Die Luft im Haus scheint kälter zu werden.

Plötzlich bemerke ich in Höhe der Tür, an deren Seite das bewusste Bild hängt, auf dem Fußboden eingetrocknete dunkle Flecke. Wein könnte es, vielleicht auch Blut...

Sie führen in unregelmäßigen Abständen geradewegs auf die Treppe zu, die in das obere Stockwert führt.

Ist das ein Wegweiser? Sollte ich hinterhergehen? Was würde ich vorfinden?

Und schon ist es mir ganz klar, ich gehe nicht! Ich spüre Angst vor diesen Spuren..

 

Hastig trete ich zurück, drehe mich um, fange an zu rennen, um die abwärtsführende Treppe zu erreichen. Die Treppe scheint kein Ende zu nehmen und mein Herz sitzt bereits im Hals. Dann endlich habe ich die Tür ins Freie erreicht, reiße sie mit letzter Kraftanstrengung auf. Luft, nur Luft...

Draußen ist weiter der helle Nachmittag, als wäre nichts passiert. Menschen gehen langsam vorbei. Ich atme durch...

 

Um das Erlebte zu verarbeiten, setzte ich mich in das nächstgelegene Cafe’, zwei Straßen entfernt. Ein Tisch am Fenster, im vollen Licht. Das Cafe’ ist gemütlich eingerichtet, kleine Tische, Sofas, im Hintergrund ein Kamin, ein paar alte Möbel und Pflanzen.

Ich trinke in Ruhe eine Tasse Kaffee, lasse das Erlebte an mir vorüberziehen und beschließe, den alten Kellner nach dem Haus zu fragen.

Interessiert schaue mir die wenigen Gäste näher an und dabei fällt mir ein junger Mann auf, der allein in einem alten Hochlehnstuhl in der Nähe des Kamins sitzt, die Kaffeetasse in der Hand..

Irgendwie kommt mir der Mann bekannt vor, dunkle, intensive Augen... Um nicht aufdringlich zu sein, schaue ich nicht mehr hin.

 

Dann kommt der Kellner mit der Rechnung und ich nutze die Gelegenheit, mich bei ihm nach der alten Villa zu erkundigen.

Als ich jedoch berichte, dass ich darin gewesen sei, betrachtet er mich mit einem seltsamen Blick.

Seine Freundlichkeit ist dahin und er gibt sich sehr kühl. Mir fällt auf, dass er sich häufig umdreht, um mit dem jungen Mann am Kamin Blicke zu wechseln...

Dann meint er kurz und knapp:

„Meine Dame, Sie müssen sich irren. Dieses Haus existiert schon lange nicht mehr. Es wurde vor Jahren abgerissen, weil nach dem mysteriösen Tod des letzten Familienmitgliedes niemand mehr in das Haus einziehen wollte. Es verfiel nach und nach und war der Stadt nur noch zur Last. Heute ist auf dem Grundstück nur ein wilder Parkplatz.“

 

Ich fühle mich verwirrt durch diesen Bericht und schaue beim Hinausgehen noch einmal zurück zu dem jungen Mann am Kamin.

Der junge Mann mit den dunklen Augen ist jedoch nicht mehr da. So, als wäre er nie da gewesen. Anstelle des Hochlehnstuhls am Kamin steht dort nur ein kleines Tischchen für zwei Personen. Der Tisch ist leer, nur eine trockene Palme steht unbeweglich im Hintergrund.

 

Karin Fluche 11/11

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain