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H e r z a n g s t 

                                                                  

  Diese Geschichte beginnt ganz unkonventionell mit dem Ende einer Begebenheit.---

Es war der Abreisetag aus einem wunderschönen sonnigen Urlaub in den Bergen. Beeindruckende Felsmassive, wohin man auch schaute, - die ganze herrliche Natur.

Einzelne Bäume, die die Wiesen begrenzten, kleine Täler, versteckt liegende, einzelne Häuser... Heitere Motive für den Fotofreund....

 

Der Abreisetag unserer Reisegruppe aus diesem Panorama gestaltete sich jedoch nicht so, wie erwartet....

Das Wetter war umgeschlagen und es regnete in Strömen den ganzen Tag. Auch war Nebel aufgezogen, die Luft kalt geworden.... Die freundliche Umgebung hatte jegliche Heiterkeit verloren, alles war in ein tiefes Grau getaucht. Die Felsen in ihrer Größe wirkten nun unheimlich, gespenstisch, ja - bedrohlich... Alles sah anders aus...---

Mein Mann und ich standen inmitten der schweigsamen Reisegruppe, man hörte keinen Laut, keinen Vogel,- nichts... Gesichter waren unter Kapuzen und Schirmen verborgen. Eine unbestimmte bedrückende Atmosphäre schwebte über den Köpfen.....Manchmal fiel mir ein kalter Regentropfen in den Nacken und ich erschauerte.. In diesen Momenten umfasste ich fester die Hand meines Mannes.---- So warteten wir auf den Bus, der uns nach Hause bringen sollte.- Die Zeit war ins Nirgendwo entrückt.—

 

Unser Gepäck war bereits vor Stunden in einer offenen geräumigen Felshöhle nahe dem Straßenrand untergebracht worden. Sie diente von jeher als Wetterzufluchtsort und hatte keinerlei andere Ausgänge... Es war eine Stalaktitenhöhle, übersät mit kleinen Tropfsteinen, die von der Decke wuchsen...-

Während wir so warteten, fiel mir irgendwann ein, dass ich aus dem Handgepäck unbedingt noch eine Kleinigkeit haben müsse, die mit in den Bus sollte. Ich besprach dies kurz mit meinem Mann und ging allein in die Höhle, um unser Gepäck zu suchen... Ein paar Lämpchen beleuchtete das Innere....

Ich sah mich etwas um und fand auch bald unser Gepäck.-

Plötzlich fiel mir auf, daß die Lampen flackerten und mit einem wuchtigem Geräusch verschloss sich plötzlich die Höhle. Es fuhren aus beiden Seiten dichte Eisengitter heraus.

In meiner panischen Angst rannte ich zum Ausgang und rief durch die Gitter um Hilfe. Jedoch niemand hörte.. Ich schrie wie besessen und dennoch kam es mir vor, als hörte ich nur ein schwaches dünnes Stimmchen.---

Meine Angst wurde fast zum Wahnsinn, als ich entdeckte, dass die erwähnten kleinen Tropfsteine an der Decke in einem zügigen Tempo wuchsen, spitz und scharf.. Sie waren schon längst nicht mehr klein. –

Ich konnte mir ausrechnen, wann sie wohl den Boden und vorher mich, erreicht hätten.....Oh, mein Gott-.... und ich schrie um mein Leben...

Als mein rasendes Herz diese Angst nicht mehr lange zu ertragen drohte, kam dann doch noch von unerwarteter Seite Hilfe.---

 

Ich spürte eine warme, zärtliche Hand auf meinem Gesicht und hörte die vertraute beruhigende Stimme meines Mannes: „Es ist alles gut. Du hast nur geträumt... Komm, wach auf!“----

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain