"Hallo, ich bin's, die kleine Dame..."

Das Geheimnis der kleinen Dame

 

Neulich hatten wir eine Familienfeier, zu der Verwandte und die engsten Freunde eingeladen waren. Sie kamen mit guter Laune,  Blumen und kleinen Geschenken.

Küsschen hier und Küsschen da, Umarmungen und Schulterklopfen. Lange hatten wir uns nicht gesehen.

 

Dann traf ich zu meinem Erstaunen  auf eine sehr kleine fremde Dame unbestimmten Alters in einem bauschigen Glitzerkleid. Auch trug sie Perlen im Haar, die Aufsehen erregten. Sie machte auf mich einen leicht „angestaubten“ Eindruck, was wohl nicht unbedingt nur  mit ihrem Alter zu tun hatte....

 

Einer der Gäste musste sie mitgebracht haben. Als ich jedoch herumfragte, kannte sie niemand.

Sie lächelte freundlich, blieb jedoch den ganzen Abend  schweigsam, ließ nur hin und  wieder eine Art „Glucksen“ hören.  Ich hielt es für ein kleines Lachen. Ob sie sich wohl amüsierte?

 

Dann wiederum glaubte ich es nicht, denn sie schaute durch ihre runde Brille wieder ernst und still.

 

Neugierig knüpfte ich dann doch ein Gespräch mit ihr an und deutete auf ihr strenges, jedoch voluminöses  Kleid. Sie schwieg jedoch weiterhin beharrlich.

Dann keimte in mir irgendwie der Verdacht auf,  dass sie in Nöten sein könnte, vielleicht schwanger.

Suchte sie etwa Hilfe, die sie in der eigenen Familie nicht fand?

 

Von solchen Fragen angetrieben, nahm ich sie, freundlich, aber bestimmt, am  Arm und führte sie in einen Nebenraum - fort von der lauter gewordenen Gesellschaft.

So hoffte ich doch, ihr Geheimnis zu lüften, denn ein Geheimnis trug sie in sich, da war ich mir ganz sicher.

 

Wieder sprach ich sie an, bedrängte sie förmlich: „Wir sind hier allein. Sie können sich mir anvertrauen. Wer sind Sie? Was ist mit Ihrem Kleid...“

Wiederum sagte sie nichts, ...

 

Voller Spannung starrte ich sie an, es war kaum noch aushaltbar. Sie schien zu überlegen.

Dann hob sie so plötzlich, dass ich fast erschrak, ihren Rock an und sagte mit einem dünnen herb-trockenen Stimmchen:

 

„Ich bin eine „Müller-Thurgau“ aus der Weingalerie Franken.

Sie können auch „Pröbchen“ zu mir sagen! Auf meinem Unterrock können Sie es nachlesen“... und ich las, starr vor Staunen!

 

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 PS:

Ich habe sie später aus der Erinnerung heraus noch gemalt. Die Erinnerung an eine ungewöhnliche Begegnung.. (s. o.)

 

Karin Fluche

 

 

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Johann Wolfgang von Goethe

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

 

Damals sagte ich zu meiner Frau: „Ich werde ein ganz gefährliches Experiment beginnen. Ich werde für das Publikum schreiben, und ich werde so schreiben, dass alle verstehen, was ich meine.“

Marcel Reich-Ranicki (*1920), poln.-dt. Literaturkritiker

 

 

Schreiben ist leicht. Man muß nur die falschen Wörter weglassen.

Mark Twain